Schwerpunktschule


Inklusive Bildung in Rheinland-Pfalz

logo

Im März 2009 ist die Bundesrepublik Deutschland der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beigetreten.
Nach Artikel 24 der Konvention haben alle Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen.
So können Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf auch beim Übergang in die Jahrgangsstufe 5 wählen, ob ihr Kind an einer allgemeinbildende Schule/Schwerpunktschule oder einer Förderschule weiter unterrichtet werden soll.
In diesen Schulformen wird für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine individuelle Förderplanung auf der Grundlage von Förderdiagnosen oder förderpädagogischen Gutachten erstellt.

Die Realschule plus Neustadt als Schwerpunktschule macht sich zur Aufgabe, alle Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Regelunterricht zu integrieren. Das Angebot der „Offenen Ganztagsschule“ (GTS) unterstützt diesen Prozess.
Wir sind seit dem Schuljahr 2011/2012 Schwerpunktschule. Dies bedeutet, dass z.Zt. in den 5. und 6. Klassen ca. 10 Schüler mit den Förderschwerpunkten „Lernen“ und „ganzheitliche Entwicklung“ in ihre Klassenverbände und den Schulalltag integriert sind.

Inklusive Kulturen schaffen


Grundhaltungen einer inklusiven Schule – „Anders sein ist normal!“ (Heterogenität als Herausforderung)

Inklusion in seiner ursprünglichen Wortbedeutung stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Einschluss“ oder auch „Enthaltensein“. Inklusion bezeichnet also einen Zustand der (selbstverständlichen) Zugehörigkeit aller Menschen zur Gesellschaft, verbunden mit der Möglichkeit zur uneingeschränkten Teilhabe in allen Bereichen dieser Gesellschaft. Das Konzept der Inklusion wendet sich damit gegen die Diskriminierung oder das „an den Rand drängen“.

Die inklusive Schule ist vom Grundsatz her eine Schule, die allen Kindern und Jugendlichen, ungeachtet ihrer individuellen Voraussetzungen oder ihrer aktuellen Lebenslagen, gleiche Bildungschancen eröffnet. Dies erfordert ein ausreichendes Maß an Individualisierung.
Als Schulgemeinschaft (Lehrer, Schüler, Eltern) der Realschule plus Neustadt befinden wir uns auf dem Weg, den Gedanken der Inklusion zu leben.

Akzeptanz individueller Lernvoraussetzungen
Nach der Aufnahme eines I-Schülers (Integrationsschüler) wird ihm trotz vorhandenen Fördergutachtens zunächst die Chance gegeben, Lerninhalte zielgleich wahrzunehmen. Ein differenziertes Bild des Leistungsvermögens wird sich in der Folge derart herauskristallisieren, dass die Lerninhalte den individuellen Voraussetzungen angepasst werden können. So wird er in einigen Fächern zielgleich (wie die Mitschüler) und in anderen zieldifferent (nach den Lehrplänen der jeweiligen Förderschule) unterrichtet werden.
Durch den gemeinsamen Unterricht von Schülern verschiedener Bildungsgänge findet innerhalb der Klasse ein Prozess statt, der jeden Schüler wahrnehmen und erleben lässt, dass auch er Stärken und Schwächen hat. Unterschiedlichkeit kann als Normalität angenommen werden.

Inklusive Didaktik/Schülerorientierung
Grundsätzlich streben wir den gemeinsamen Unterricht aller Schüler einer Klasse an. Dies wird u.a. durch Binnendifferenzierung und Teamteaching (Doppelbesetzungen) umgesetzt.
Je nach individuellem Leistungsvermögen können dem Schüler bei Bedarf aber auch Lernangebote in Einzel- und Kleingruppenförderung gemacht werden.
Die Förderschullehrer (FÖL) legen in Absprache mit der Schul- und Klassenleitung geeignete räumliche Voraussetzungen (z.B. Differenzierungsräume, Arbeitsplätze für Kleingruppen im Klassenraum) zur differenzierten Unterrichtsgestaltung fest.

Inklusive Strukturen etablieren


Kooperation
Am Ende des Schuljahres finden Hospitationen in den Klassen und Gespräche mit den Lehrern an der abgebenden Grundschule (SPS) statt. Zukünftige Klassenlehrer der 5. Klassen haben dabei die Möglichkeit, ihre neuen I-Schüler kennenzulernen und einen begleitenden Übergang in die Orientierungsstufe unserer Schule zu gestalten.
Zusätzlich bietet ein gemeinsamer Kennlernabend, der für alle Schüler und Eltern der 5. Klassen vor den Sommerferien stattfindet, die Möglichkeit, die Mitschüler und Lehrer kennenzulernen.
Die Stammschule der FÖL (Förderlehrer) bietet regelmäßige Treffen zum fachlichen Austausch an. So begleitet sie die Arbeit an den Einsatzschulen.

Instrumente ressourcenorientierter Planung
Die Schulleitung gibt den FÖL den Auftrag, ihre Stundenpläne in Absprache mit den Lehrern der Klassenstufe bedarfsorientiert zu erstellen.
Die zukünftigen Lehrer der 5. Klassen orientieren sich im Vorfeld am bereits erstellten und in jedem Jahr fortgeschriebenen „Pädagogischen Konzept der Orientierungsstufe“.

Kollegiale Teamarbeit
Eine Grundvoraussetzung für eine effektive Umsetzung des inklusiven Modells bildet die Zusammenarbeit von Regel- und Förderschullehrern mit den Schulsozialarbeitern. Die beteiligten Professionen sind gleichwertige Partner.
Durch die sich ergänzenden Kompetenzen streben wir eine ganzheitliche Sichtweise auf die Lern- und Lebenswelt der Schüler an.
Um die Zusammenarbeit zwischen FÖL und Fachlehrern zu erleichtern, erhalten die Kollegen, die in I-Klassen unterrichten Hinweise in Form eines Leitfadens. (siehe Anlage: „Anmerkungen zur Förderung von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf (I-Kindern) durch die Förderlehrkräfte (FÖL).“
Die Klassen- oder Stufenteams legen in möglichst regelmäßigen Abständen Termine für Teamsitzungen fest. Sie bieten z.B. ein Forum für einen gegenseitigen Austausch, Organisation des Unterrichts (Teamteaching, Lerninhalte etc.) und zur Planung weiterführender Fördermaßnahmen einzelner Schüler.
Um die entstandenen Teamstrukturen weiter zu erhalten, verbleiben die Förderschullehrer in ihren Teams und wechseln in die jeweils nächsthöhere Jahrgangsstufe. So bleiben die gewachsenen Beziehungen zwischen Schülern, Eltern und Lehrkräften erhalten und können kontinuierlich weitergeführt werden.

 

Inklusive Praktiken entwickeln


Ressourcenorientierte Diagnostik in der Praxis
In den ersten Schulwochen der 5. Klasse finden Eingangstests in den Fächern Deutsch und Mathematik statt, um den aktuellen Lernstand zu ermitteln. Zusätzlich geführte Beobachtungsbögen fokussieren den Blick auf Kompetenzen z.B. im Lern- und Arbeitsverhalten.
Ein umfassendes Bild des Schülers entsteht in der sich anschließenden pädagogischen Konferenz, an der alle Lehrer der Klasse teilnehmen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Erstellung eines individuellen Förderplanes für einige Schüler, der den aktuellen Lernstand erfasst und angestrebte Förderziele und die entsprechenden Fördermaßnahmen dokumentiert. Dazu erhalten die Lehrer der 5. Klassen und neu hinzugekommene Kollegen bereits bestehender I-Klassen in einer Informationsveranstaltung Hinweise. Der Förderplan wird von den FÖL in Absprache mit den Klassenlehrern erstellt und im Rahmen eines Förderplangespräches mit den Eltern besprochen, ergänzt und fortgeschrieben.

Ausblick


Teilnahme am Pilotprojekt
Die Realschule plus Neustadt bewarb sich um die Teilnahme am Projekt „Auf dem Weg zur Inklusion-Gemeinsamer Unterricht in der Orientierungsstufe“ des Pädagogischen Landesinstituts Rheinland-Pfalz (PL) – und wurde angenommen.
Von der Zusammenarbeit mit dem PL versprechen wir uns eine Unterstützung bei der weiteren Entwicklung unserer Schwerpunktschule.

Stand: November 2012, erstellt von Gerdi-Maria Ostermayer FÖL, Joachim Eberle FÖL

„FÖL (Förderschullehrer)“, „I-Kind“, „Inklusion“, „Förderplan“ – alles Begriffe, die einhergehen mit dem Anspruch der Schwerpunktschule. ABER – was bedeuten diese eigentlich genau?Unsere Förderschullehrer (FÖL) Herr Eberle und Frau Ostermayer

Herr Eberle und Frau Ostermayer wirken seit dem letzten (2011/2012) bzw. diesem Schuljahr (2012/2013) an unserer Schule. Beide bringen eine langjährige Berufserfahrung mit und werden mit 27 und 25 Stunden im Unterricht eingesetzt. Derzeit betreuen unsere FÖLs fünf Integrationskinder (I-Kinder) in Klasse 5 und drei in Klasse 6.
Dabei reichen ihre Aufgabenbereiche von der Bereitstellung differenzierter Arbeitsmaterialien sowie individueller Leistungsnachweise und Förderung in Einzelarbeit oder in Kleingruppen sowie das Erstellen von Förderplänen über einen diagnostischen Leistungsstand bis hin zu Fördergesprächen mit Fachlehrern und Eltern.
Der wesentliche Unterschied zwischen einem Regel- und Förderschullehrer ist wohl in der weitaus engeren Zusammenarbeit mit dem I-Kind zu sehen, welches durch einen vertrauensvollen Umgang bestimmt wird. FÖLs agieren weniger als Wissensvermittler, sondern geben gezielte Hilfen im individuellen Lernprozess.

Inklusion

Der aus dem lateinisch stammende Begriff meint übersetzt „Einschluss“, welches dem Anspruch gerecht werden soll, die Zugehörigkeit aller Menschen zu einer Gesellschaft zu schaffen. Daher wendet sich diese Idee gegen jede Form der Diskriminierung oder das „an den Rand“ drängen. Ungeachtet ihrer individuellen Voraussetzungen oder ihrer aktuellen Lebenslage sollen allen Kindern die gleichen Bildungschancen eröffnet werden. Aber wie…?

Die Entscheidung, ob ein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Regelschule oder eine Förderschule besucht, entscheiden die Eltern in Absprache mit der Schulbehörde. Ist ein Integrationsschüler in der Regelschule aufgenommen, wird ihm trotz vorhandenen Fördergutachtens die Chance gegeben, Lerninhalte zielgleich wahrzunehmen. Das bedeutet, es wird genau geschaut, in welchen Bereichen oder Fächern der Schüler Hilfen bei der Aufbereitung des Lernstoffs benötigt. Erst später werden Lerninhalte den individuellen Voraussetzungen angepasst, sprich, so kann das I-Kind in einigen Fächern zielgleich (wie seine Mitschüler) und in anderen Fächern zieldifferent (nach den Lehrplänen der jeweiligen Förderschule) unterricht werden. Die Entscheidung bezüglich des Förderbedarfs und Stundenplans treffen der FÖL und die Fachlehrer gemeinsam. Regelmäßige Teamtreffen, Pädagogische Konferenzen, Fortbildungen sowie die intensive Zusammenarbeit zwischen Regel- und Förderschullehrer sind unabdingbar.

Förderplan

Der Förderplan, an dessen Erstellung u.a. auch der Schüler beteiligt ist, erfasst neben dem aktuellen Lernstand auch die angestrebten Förderziele und die entsprechenden Fördermaßnahmen. Ein zusätzliches Förderplangespräch mit den Eltern soll informieren und lässt Platz für mögliche Ergänzungen.

Aus dem Gespräch mit unseren FÖLs ergeben sich zwei Fragen:

Welche Vorteile bietet eine Regelschule einem I-Kind bzw. warum sollte ein I-Kind eine Regelschule besuchen?

„Fördern durch Fordern“, sagt Frau Ostermayer bedeutungsvoll. Das I-Kind bekommt in einer Regelschule die Möglichkeit über sich hinaus zu wachsen. Das ergibt sich einfach aus der Tatsache, dass durch den Regelunterricht Forderungen gestellt werden, die ein I-Kind als Herausforderung ansehen kann. Frau Ostermayer und Herr Eberle sind sich einig, dass hier das Selbstbewusstsein des I-Kindes auf eine ganz besondere Weise gestärkt werden kann. Aber, in diesem Punkt ziehen beide ebenfalls gleich… Eine Regelschule ist nicht das Ideal für jedes beeinträchtigte I-Kind! Der Wechsel in eine Schwerpunktschule setzt Beratung voraus und sollte in sorgfältiger Absprache mit den Grundschulkollegen getroffen werden. Zusätzlich sollte das Angebot vorausgehender Hospitationen in der Schwerpunktschule wahrgenommen werden.

Welche Vorteile haben Regelschulkinder von einem I-Kind?

Zunächst einmal erleichtert die Doppelbesetzung in einer Klasse grundsätzlich alle anfallenden organisatorischen Arbeiten wie z. B. die Kontrolle der Hausaufgaben, Einsammeln und Austeilen von Dokumenten, Informationen, Arbeitsblätter etc. Diese Tatsache ermöglicht einen reibungsloseren Unterrichtsablauf. Förderschullehrer und Klassen- bzw. Fachlehrer kooperieren und ergänzen sich in ihrer Arbeit im Unterricht. Ein FÖL ist Ansprechpartner für jedes Kind der Klasse. Bei Bedarf erhält auch ein Regelkind Hilfe. Man sollte den sozialen Aspekt dieser Zusammenkunft zwischen Regel- und I-Kind nicht vernachlässigen. „Hier bilden sich Freundschaften“, sagt Frau Ostermayer. „Hier werden Stärken und Schwächen des Mitschülers akzeptiert bzw. man lernt, sich anzunehmen“, fügt Herr Eberle hinzu. Regelkinder gehen auf in ihrer Rolle als „Helfer“, nehmen Schwächen anders wahr, wollen helfen, erkennen, jeder ist anders.